Ein Interview mit Evelyn Weismüller, Initiatorin des Projekts „Soziales Netzwerk“. Das Gespräch führten Julia Edtbrustner und Alexander Winninger.
Frau Weismüller, beginnen wir mit dem Gedanken, dass Sie sich mit der Veranstaltungsreihe „Ein neues Bild des Alter(n)s“, wie Sie es formuliert haben, „nun trauen, mit Ihrem Anliegen an die Öffentlichkeit zu gehen“. Worum geht es Ihnen und welcher Gedanke steht hinter diesem Projekt?
Dieses Projekt ist mein ganz persönliches Anliegen – das über die Wiener Hauskrankenpflege hinausgeht – und im Zentrum steht der alte Mensch in seiner Würde. Ich bin erfreut, aufgeregt und stolz, dass sich für die erste Veranstaltung zwei andere Proponenten – vom Haus der Barmherzigkeit und vom Wiener Hilfswerk – über meine Initiative gefreut und auch zugesagt haben.
Der alte Mensch in seiner Würde – wer genau ist dieser alte Mensch?
Für mich es der hochbetagte Mensch, der eine andere Geschwindigkeit hat als wir und dadurch oft verwirrt wirkt, oder so wirkt, als würde er nicht mehr mitkommen – und wo wir Jüngere meist automatisch beginnen, für ihn Dinge zu übernehmen, die er aber mindestens ebenso gut kann wie wir, aber nur seine Zeit braucht, sein Tempo. Das ist der alte Mensch, den ich meine. Es hat sich aber noch erweitert für mich, weil „das Alter“ in den Medien und der Werbung mit 50 beginnt – die Generation „50+“ – hier gilt es, genau abzustecken, welches Alter ist gemeint, was brauchen wir in welchem Alter und wie sprechen wir auch welches Alter an.
Der hochbetagte Mensch im Gegensatz zum „50+“-Menschen – wie spannt sich da der Bogen des neuen Bildes des Alterns – wo ist der Fokus und wie weit erstreckt sich Ihr Engagement, Ihre Initiative?
Etwas salopp gesagt, spannt sich das neue Bild des Alter(n)s eigentlich über das ganze Leben – hochbetagt sind die über 80 und die „50+“ stehen noch mitten im Arbeitsleben – durchaus noch 15 bis 20 Jahre – aber es ist sozusagen die zweite Lebenshälfte. Es ist der Bogen von aktiven, gesunden, vitalen Menschen, die sich auch nicht angesprochen fühlen mit „dem Alter“ – bis hin zu Menschen, die in einem Abschnitt ihres Lebens sind, wo sie sich auch meistens nicht angesprochen fühlen – sie beginnen sich zurückzuziehen, ihr Leben abzuschließen und sich auf den Tod vorzubereiten.
Für mich ist der Fokus, der mir am Herzen liegt, das bewusst zu machen und auch ein neues Bild zu zeigen.
Sind die Menschen, die in die Altersklasse 50+ fallen oder die davor die wichtigere Zielgruppe?
Eine philosophische Frage – was ist wichtiger? Die Altersgrenze „50+“ ist ja zum Beispiel ziemlich früh. In meinem persönlichen Engagement geht es mir schon um die Gruppe nach dem Erwerbsleben – die beginnt, aus der Gesellschaft „herauszufallen“. Aber erreichen und das Thema bewusst machen möchte ich schon denen davor. Und da besonders denen vor 50.
Bewusstsein schaffen für die jüngere Zielgruppe – mit welchem Inhalt?
Das erste ist, dass Altern uns immer alle betrifft, das ist auch der Übertitel für mich – es sind nicht immer die anderen. Dass Altern etwas Besonderes und auch etwas besonders Schönes ist, weil sich mein Spektrum erweitert, weil sich meine Fähigkeiten, zusammenhängend zu denken erweitern – mein Erfahrungsschatz.
Zweitens, dass wir, jeder einzelne von uns, sehr viel dazu tun können, sehr lange, sehr gesund zu altern – dass es wirklich in unseren Händen liegt. Man weiß auch zunehmend, wie sehr es in unseren Händen liegt, dass wir, zeitlebens, schon festlegen, wie es uns im hohen Alter geht. Schlicht dadurch, in welchem Bewusstsein wir unser Leben und unsere Beziehungen leben. Das ist eigentlich die Botschaft, die ich transportieren will.
Als Zusammenfassung vielleicht: Altern ist ein Synonym für „Leben“ insgesamt, mit allen Implikationen?
Ja, genau das ist meine Ansicht.
Woher schöpfen Sie die Ideen, das Sendungsbewusstsein, was ist Ihre Motivation?
Die Ideen kommen von selbst – es ist so, dass ich wirklich seit jungen Jahren, also seit ich 17 oder 18 war, immer die Schönheit im Alter gesehen habe. Die Schönheit im alten Menschen und auch das Besondere daran, was sie leisten, was sie können, wenn sie die Zeit haben, die sie brauchen. Das ist nichts, was gewachsen ist, das war immer da. Und es ist etwas, wie man sicherlich sieht, was mich nach wie vor immer noch begeistert. Und das ist auch nie ausgegangen, da braucht es keine zusätzliche Motivation, das habe ich. Was für mich dazugekommen ist, was meine Kraft verstärkt und meine Motivation bestärkt hat, ist, dass mir innerhalb der letzten 5 bis 10 Jahre in meiner Organisation zunehmend Mitarbeiter zugefallen sind, die das multiplizieren. Die genau dieselbe Intention haben wie ich. Und dass wir in der Hinsicht – ich glaube, das kann ich schon so sagen – da auch ein Beispiel abgeben. Das ist es.
Auf dem Weg, Ziele zu erreichen gibt es immer Probleme, die überwunden werden müssen. Wo sehen Sie die Probleme in der Gesellschaft, die auf dem Weg zu Ihrem Ziel liegen – dass wir alle sehen, dass Altern Leben ist und es uns alle betrifft?
Ich sehe grundsätzlich nie Probleme, sondern immer Herausforderungen. (lacht) Die Herausforderung liegt in den Medien. Weil sie uns alle ständig begleiten und beeinflussen. Und das Bild, das in den Medien geprägt wird ist das, das sich in den Köpfen festsetzt. Das heißt, wenn sich hier die Einstellung ändert, dann ändert sich auch das Bild in den Köpfen – ich möchte dazusagen, es hat bereits begonnen – ich denke, es verändert sich langsam. Systeme verändern sich nicht so schnell, auch wenn Einzelne vielleicht in Gedanken schon weiter sind.
Dann ist es eine Herausforderung an jeden einzelnen von uns, sich dessen bewusst zu sein, wieviel man selber bewirken kann in seinem Leben und dass einem das eben nicht von irgendjemand anderem abgenommen wird – man sich eben nicht, salopp gesagt, bis 50 gehen lässt und sich dann 20 Jahre lang pflegen lässt. Das ist auch eine Herausforderung, die in unserem Alter bereits medial transportiert und vorher im Bildungssystem implementiert werden sollte. Da gibt es sicher verschiedene Möglichkeiten, das Alter auch schon einzubetten, oder ein Gefühl für das Altern.
Und die Herausforderung, die nun schon die alten Menschen betrifft, ist, ihnen die Zeit zuzugestehen, die sie brauchen. Dass sie sich eben in einer Phase des Lebens befinden, die anders ist. Dass wir nicht zuviel für sie übernehmen.
Welche dieser Herausforderungen möchten Sie persönlich helfen, gesellschaftlich zu meistern?
Der Bereich der Bildung ist zwar interessant, liegt aber nicht eigentlich auf meinem Weg, und die anderen hängen für mich in gewissem Grade zusammen – weil natürlich das Bild des alten Menschen auch durch die Medien geprägt wird. Da kann ich Einfluss nehmen, denke ich. Das haben wir für uns als Organisation auch schon gemacht – mit der medialen Aufbereitung von Sujets, die den alten Menschen anders zeigen – und das war für mich auch schon ein erster Schritt in die Öffentlichkeit.
Mein Ziel ist, zu helfen, das Bild des alten Menschen so zu gestalten, wie es mir als wichtig und fruchtbar für die Gesellschaft erscheint – und dafür ist es nun auch an der Zeit, den Schritt weiter in die Öffentlichkeit zu gehen, den Schritt hinaus aus der Organisation, um noch ein Mehr zu tun.
Durch Öffentlichkeitsarbeit und Bewusst-Machung der gegenwärtigen Situation kann ein „neues Bild des Alterns“, ein neues Bild des alten Menschen entstehen.
Wie wird das Bild des alten Menschen derzeit in den Medien transportiert?
Ich erlebe es, dass der hochbetagte Mensch hauptsächlich als senil gezeigt wird. Als Person, die nichts mehr mitbekommt und eigentlich neben dem Leben steht.
Personen, die nicht schön sind, sozusagen
Genau. Ja.
Ich möchte nochmals dazusagen, dass es sich beginnt zu verändern. Ich sehe diese Veränderung und ich denke, wir können da einsteigen und es mitentwickeln. Es gibt schon vereinzelt Plakatwerbungen, die ein neues Bild des alten Menschen zeigen, aber es gab auch in nicht allzulanger Vergangenheit Werbungen, die eher das Bild vom „alten Dodl“ transportiert haben – und so will sich kein einziger Mensch sehen.
Was halten Sie von anderen Werbungen, die übertriebene „Jubelgreise“ zeigen?
Die finde ich genauso schlecht. Es ist ähnlich. Eine Zeit lang haben Versicherungen damit geworben, mit völlig überzeichneten alten Menschen in einer Art „Jungbrunnen“. Das Alter zu transportieren ist auch eine Herausforderung, muss man ehrlich sagen. Es ist schwierig, aber es ist eine wichtige und schöne Herausforderung, sich dem zu stellen. Sowohl für die, die in der Altersgruppe sind, als auch für die, die in die Altersgruppe kommen werden.
Sie haben vorher beschrieben, dass die Schönheit des alten Menschen für Sie immer zugänglich war. Würden Sie das Altern nicht nur als schön, sondern auch als anstrebenswert charakterisieren – dass man vor den Veränderungen, die das Altern bringt nicht flüchten muss?
Ich sehe das so, ja. Aber ich respektiere es genauso, wenn jemand das für sich anders sieht. Es gibt Veränderungen im Alter, die stören nicht, aber es gibt sicher solche, wo keiner von uns sagen würde, das ist angenehm. Das Alter bringt manches eben mit sich – so ist es einfach. Aber ein erfahrenes Gesicht drückt für mich Schönheit aus. Für mich ist das Altern erstrebenswert und ich möchte dazu beitragen, dass es breiter als erstrebenswert gesehen wird. Ich möchte meinen Blick anderen Menschen zeigen und sie meine Ansichten verstehen lassen. Was dann jeder einzelne macht, ist ohnehin seine Sache.
Um ein Beispiel zu nehmen: Es ist sicherlich auch skurril, wenn sich eine 80jährige noch blondiert. Wenn eine der nächsten Generationen dann sieht, es werden immer mehr Frauen grau und es sieht auch gut aus, dann kann man das sicherlich leichter zulassen für sich selbst. Das ist nur ein Beispiel.
Aber es gibt sicherlich Veränderungen im Alter, die kein Vorteil sind – und die kann man auch nicht als Vorteil verkaufen.
Würden Sie Ihre Position als eine „realistische Mittelposition“ bezeichnen – zwischen den Extremen des Bildes des „alten Eisens“ (zu nichts mehr zu gebrauchen) und den „Jubelgreisen“ (alles noch so wie früher)?
Ja. Auch, weil ich die Menschen so lasse wie sie sind. Also ist es sicherlich die Mitte.
Bei Ihnen steht also der einzelne Mensch, wie er sich selbst wünscht, zu altern, im Mittelpunkt.
Auch, dass wir ihm das auch zugestehen, ja. Natürlich ergreife ich auch Partei für die, die sich selbst nicht mehr verteidigen können. Der „Jubel-Alte“ macht das ja bewusst. Er ist noch in der Lage, selbst zu entscheiden, das zu tun. Es gibt aber ein Spektrum von Menschen, die zu solchen Entscheidungen nicht mehr in der Lage sind. Und die sind natürlich auch verstärkt zu unterstützen.
Welchen Leitgedanken haben sie für genau diese Menschen – für die denen die individuelle Entscheidung nicht mehr so gegeben ist? Sie begreifen Ihre initiative ja als Lobby für diese Menschen. Von welchem Menschenbild lassen Sie sich da leiten? Ist es „Eigenständigkeit bewahren“ – „Hilfe zur Selbsthilfe“?
Der Leitgedanke, den ich geben würde, ist: Im Vordergrund steht, das selbst zu tun, was ich selber kann und mich erst ab dem Punkt unterstützen zu lassen, wo ich es nicht mehr kann. Und wenn ich einen Schritt weiter gehen kann, dann geht die Hilfe einen Schritt zurück. Und das bis zum letzten Tag des Lebens.
Wo liegen die Herausforderungen Ihres Projektes, Ihres Anliegens, Ihrer Initiative? Und wie kann man sie bewältigen?
Die Herausforderung ist sicherlich, das Thema an den Mann und an die Frau zu bringen. Weil es ein sehr großes, breites Thema ist, es auch so Stückweise herunterzubrechen, dass sich die Personen angesprochen fühlen, dass man sie auch erreichen kann. Ich denke mir, dass wir im Laufe des Projektes schrittweise vorankommen können – man muss sicherlich vermeiden, zuviel auf einmal zu erzählen, um niemanden abzuschrecken. Es wirklich nach Bereichen zu gliedern und immer einen Schwerpunkt zu thematisieren. Das Thema des Alterns hat so viele Facetten. Weil es auch so eine lange Periode „Alter“ ist – es ist ja der betagte Mensch, der sich nicht mehr selber helfen kann auch nur ein kleines Spektrum davon. Es ist sicherlich besser, immer bestimmte Ausschnitte zu beleuchten. So haben wir uns das für unsere Veranstaltungsreihe vorgenommen und so werden wir es versuchen. Das ist gleichzeitig auch das Spannende daran.
Spannend sind sicherlich die verschiedenen Perspektiven der eingeladenen Vortragenden – jeder hat andere Erfahrungen, einen anderen Schwerpunkt, andere Ideale – die eingebracht werden. Diese verschiedenen Perspektiven aufzugreifen und hereinzuholen ist sicherlich wichtig.
Genau. Es gibt sicherlich auch konträre Ansichten und kontroversielle Perspektiven. Das ist ja auch einmal aufzuzeigen.
Mit wem würden Sie nicht gerne an einem Tisch sitzen?
Ich kann mit jedem an einem Tisch sitzen – das ist eine Grundhaltung von mir. Immer. Es gibt natürlich Leute, mit denen sitzt man lieber und mit anderen weniger gern an einem Tisch, klar. Aber, wen ich nicht ins Boot holen würde – als Sponsor zum Beispiel – da fiele mir gar niemand spontan ein. Es ist immer abzuwägen, in welchem Zusammenhang Dinge entstehen und geschehen. Im Gegenteil, ich kann mir verschiedenste Kooperationen vorstellen: BILLA zum Beispiel hat gerade eine Ernährungsbroschüre „50+“ herausgegeben – sehr gut und einfach verständlich aufbereitet. Ernährungs-Tipps, was verändert sich im Alter, was kann ich selbst tun, wie kann ich mich fit halten – und in einer Art geschrieben, die sicherlich für viele Menschen brauchbar ist. Zunehmend fällt mir auf, dass man auch in der Werbung über das Thema nachdenkt und dass sich etwas verändert.
Wie sieht Ihr Idealbild Ihrer Initiative von außen betrachtet aus – welchen Eindruck soll man von Ihrem Projekt gewinnen?
Jemand, der sich oberflächlich damit beschäftigt, dem soll es auffallen und er soll es wiedererkennen – positiv besetzt. Jemand, der sich damit genauer beschäftigt, für den soll es fassbare Überschriften geben, mit denen er sich identifizieren kann. Und jemand der sich fundiert damit beschäftigen möchte, für den sollten wir weitere Verweise bereithalten. Wir werden nicht alles fundiert beantworten können, das ist auch nicht unsere Aufgabe. Wir möchten Wissensverknüpfungen anstoßen, Erfahrungen weitergeben und darüberhinaus weiterverweisen können. Wir möchten eine Plattform entwickeln, wo Wissen zusammengetragen und abgeschöpft werden kann, beziehungsweise, wo man weiterverwiesen wird.
Wie würden sie Ihre eigene Position innerhalb der Initiative bezeichnen?
Als Initiatorin des Projektes, der Plattform. Es ist etwas, das in mir gewachsen ist und das „raus will“ sozusagen.
Welchen Stellenwert nehmen PatientInnen und deren Angehörige in diesem Projekt ein?
PatientInnen können ja auch unter 50 sein – und Angehörige sind oftmals unter 50, also das ist sicherlich nicht so zu trennen. Viele derer über 50 und auch unsere PatientInnen gehören einfach zu der Gruppe, die ich ansprechen möchte, bewusster hinzuschauen – weil sie vielleicht gerade eine vorübergehende Beeinträchtigung haben. Ich möchte niemanden aussparen.
Bei denen, die ein anderes Tempo haben und Hilfe brauchen, nehme ich an, dass sie unsere Anliegen nur begrenzt und entfernt wahrnehmen und nur über die Art, wie mit ihnen umgegangen wird. Da geht es wesentlich um die, die mit ihnen umgehen – seien es jetzt Nachbarn, Angehörige, Pflegepersonen. Wenn das Bewusstsein in diesen Personen wächst, wird sich auch der Umgang mit den Älteren ändern – und daraus werden dann auch diese Personen sehen, dass sich etwas tut. Das ist aber auch relativ unabhängig vom tatsächlichen Alter – meine Schwiegermutter zum Beispiel ist 86, gehört aber noch nicht zum Kreis der Langsameren. Sie ist ein wenig langsamer, würde sich aber schon kritisch ansehen, was da so geschieht. Das kann sich also quer durchs ganze Leben ziehen.
Wer sind in Ihrem Anliegen natürliche Verbündete und wie nahe stehen sie bereits?
Am nächsten sind sicherlich Organisationen in der Branche. Unterschiedlich nah und weit, nachdem es im Bereich der Pflege und Betreuung unterschiedliche Segmente gibt. Viele Organisationen beschäftigen sich über ihren direkten Pflegeauftrag mit den Menschen im Alter generell. Da sehe ich Verbündete. Auch in einer großen Bandbreite. Es gibt sicherlich auch andere Bereiche – Reisen, Veranstaltungen, Tagesgestaltung – über die Hilfe und Pflege hinaus.
Eine allgemeine Verbündete in unserem Anliegen ist natürlich die Wirtschaft. Da Menschen im Alter viel Geld und viel Zeit haben – sprich viel Kaufkraft.
Ebenso Vereine und Initiativen rund um Freizeitgestaltung und Unterhaltung. Natürlich auch der Sportbereich. Es gibt einen großen Senioren-Freizeitgestaltungs-Sektor – der mir immer größer zu werden scheint. Es gibt ein großes Angebot für das mittlere und höhere Alter, mehr für das mittlere. Wenn wir immer länger vital bleiben – bis Mitte 80 zum Beispiel – haben wir auch sehr viel Zeit, Dinge zu unternehmen, dann brauchen wir eben auch eine Beschäftigung. Das sind natürliche Verbündete, die in ihrer Zahl und Größe wohl auch noch weiter wachsen werden.
Es gibt ja auch den Bildungsbereich – Volkshochschulen zum Beispiel. Es werden viele Kurse für Senioren angeboten: Sprachkurse, Computerkurse und alles auf einem sehr hohen Niveau.
Ja, oft bleibt in der Geschwindigkeit des Arbeitslebens die Zeit auch gar nicht. Man plant ja selbst bereits, was man alles in der Pension noch machen möchte, was sich jetzt nebenbei einfach nicht ausgeht, was man aber sicher verwirklichen möchte. Vom Sprachenlernen angefangen…
Es entstehen also noch zusätzliche natürliche Verbündete. Die Pharmaindustrie wäre natürlich auch zu nennen. Der Anti-Ageing-Bereich.
Ihr Standpunkt zu Anti-Ageing?
Ich bin grundsätzlich dafür, bin aber in der gesamten Bandbreite keine Expertin. Ich verstehe „Anti-Ageing“ eher als ein „Well-Ageing“-Projekt. Man tut nicht etwas gegen das Altern, sondern man möchte achtsam mit sich selbst umgehen, sich seinerselbst bewusst sein, und auch dem eigenen Alter entsprechend agieren. Und da gibt es eben eine Reihe von Dingen, die – möglicherweise – unterstützen. Klar ist zum Beispiel, dass, wenn ich 20 Jahre lang rauche, mich das negativ beeinflusst. Das kann man einfach weglassen zum Beispiel. Und so gibt es sicherlich Dinge, die auch einen positiven Einfluss zeigen.
Noch zu den Verbündeten: Wie sieht es aus mit den professionellen akademischen Bereichen – Mediziner auf der einen Seite, aber auch Soziologen, Philosophen?
Als Theoretiker und Praktiker, ja selbstverständlich. Sie sind als Verbündete da und beschäftigen sich mit dem Thema. Und wahrscheinlich auch zum Teil, weil sie selber schon so alt sind und sich mit etwas beschäftigen müssen. (lacht) Zumindest sind die meisten keine 20 mehr, die sich damit beschäftigen. Es sind jedenfalls Verbündete, ja.
Auf der Skala zwischen Herz (0) und Hirn (5), wo liegt das Projekt?
Einen Punkt neben dem Herzen, also auf der 1.
Welches wäre das ideale öffentliche Forum für das Projekt?
Es ist in jedem Fall wichtig, Multiplikatoren zu erreichen – womit ich Reporter und Journalisten meine, also Medienmenschen. Wobei das vermutlich nicht das gesamte Spektrum jetzt sein wird und kann, aber das ist ganz wichtig. Multiplikatoren in Richtung Bildung zu erreichen wäre auch enorm wichtig. Die Bevölkerung selbst – die ist ja sehr groß – erreicht man sicherlich eher anders, indirekt, über dem Umweg dieser Multiplikatoren. Die Mitarbeiter und nahestehenden Personen von ähnlich gelagerten Organisationen oder im gesamten Umfeld, im Animationsbereich zum Beispiel, zu erreichen ist auch ein wichtiger Punkt. Ich möchte aber nicht immer nur diese Seite erreichen. Es wäre auch einmal spannend, von der anderen Seite hinzusehen. Weil wir im Pflege- und Betreuungsbereich und sicherlich auch im medizinischen und therapeutischen Bereich sind ja ohnehin schon wach und hellhörig. Es wäre interessant, sich zu überlegen, wie gestalte ich es, dass es auch für jemanden außerhalb dieses Bereichs interessant wäre. Wobei ich momentan nicht genau weiß, wer das sein könnte.
Welche verschiedenen Basis-Stationen sehen Sie, wo man am Weg zum Ziel quasi von einer zur nächsten springen könnte? Welche Möglichkeiten gibt es, als Initiative größer zu werden, eine Community aufzubauen?
Wir möchten in einem ersten Schritt einmal drei verschiedene und exponierte, unterschiedliche Bereiche des Alters darstellende Organisationen präsentieren und das Anliegen mit diesem Einstieg einem größeren Publikum vorstellen.
Dann in einem nächsten Schritt ist die Überlegung, einfach auch akademische Experten einzuladen – im Umgang mit dem Alter. Und dann auch den öffentlichen Auftritt nicht nur über die Veranstaltungen, sondern auch im Internet zu erweitern. Wir wollen grundsätzlich die Möglichkeit geben, sich gegenseitig auszutauschen, und mein Wunsch ist es auch, dass man sich Wissen abrufen kann. Dass wir für die, die fundierter einsteigen wollen, etwas zur Verfügung zu stellen, wo sie vielleicht auch kramen können und – finden, was sie suchen.
Dann wäre es auch interessant, vielleicht in einem dritten Schritt, ein wenig kritischer und ein bisschen plakativer hinzuschauen auf dieses Bild des alten Menschen und auch ein bisschen aufzuwecken. Es wird dann wohl auch die Zeit zeigen, was gerade das Thema sein wird. Aber wenn wir uns da einen Namen gemacht haben und wenn die Öffentlichkeit uns mit etwas verknüpft, habe ich auch den Mut, etwas zu thematisieren, was wichtig ist, was aber vielleicht auch nicht jedem gefällt.
Die Triebkraft und der Ursprung von Veränderung ist aus ihrer Sicht das Individuum, wenn wir Sie richtig verstehen. Wie kann nun das Individuum gesellschaftliche Veränderung anstoßen?
Das Individuum stößt, allein durch sein Leben gesellschaftliche Veränderung an. So ist das Leben. Das ist so. Jeder von uns verändert ununterbrochen seine Umwelt allein durch das, was er tut, was auch immer es ist. So ist es. Ich habe mich ein wenig mit Systemen beschäftigt. Sehr spannend. Selbst wenn Sie nur Klötzchen stellen, sehen Sie schon, was sich verändert.
Wenn Sie nach strategischen Partnerschaften mit anderen Organisationen suchen, wie ist da Ihr persönlicher Zugang, wo suchen Sie den gemeinsamen Nenner?
An der Art, wie sie das tun, was sie tun. Mit welcher Liebe. Es ist eigentlich nebensächlich, wo die anderen dann in dem Gesamtspektrum stehen. Mir ist wichtig, dass ich das Gefühl habe, dass sie das, was sie tun, mit vollem Herzen tun und auch für die Sache da sind. Das ist der Zugang. Und da ist alles offen eigentlich und gilt für jede Branche. Ich spüre ganz deutlich, aus welchen Motiven heraus jemand etwas macht.
Welche Werte sind da wichtig?
Eine gewisse Liebe zum Alter. Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff natürlich in erster Linie und auch wie man sich mit der Umsetzung beschäftigt – den jeweiligen Teil, Bereich auch ins richtige Licht zu rücken. Beim Haus der Barmherzigkeit – die für Menschen da sind, die am Ende des Lebens stehen – zum Beispiel, ist es sicherlich schwierig das Thema richtig zu positionieren. Die Verantwortlichen dort haben sehr viel Entwicklungsarbeit hineingesteckt und ich habe den Eindruck, dass sich sehr viel getan hat. Beim Wiener Hilfswerk wiederum ist es so, dass sie ein ganz anderes Spektrum abdecken, nämlich mehr das der Unterhaltung und Beschäftigung von Menschen im mittleren und höheren Alter. Und da geht es um die Angebotsbreite und auch den Spaß an der Sache, wirklich unterschiedlichste Dinge zu tun. Die Auswahl, mit diesen beiden Organisationen gleich zu Anfang kooperieren zu wollen liegt sicherlich darin, mit welcher großen Liebe sie an ihre Sache herangehen.
Inwiefern sehen Sie das Projekt Soziales Netzwerk als direkt mit Ihrer Person verknüpft?
Nicht unbedingt. Ich möchte, dass in der Sache etwas getan wird. Ich möchte etwas anstoßen, das über mein persönliches Wirken hinausexistiert. Und daher sollte das Projekt, die Initiative eher mit dem Titel Soziales Netzwerk verknüpft sein und nicht mit meiner Person. Denn wir verstehen uns ja auch als ein Soziales Netzwerk.
Wer genau ist die Wiener Hauskrankenpflege?
Die Wiener Hauskrankenpflege ist eine gemeinnützige Organisation, die ich vor 20 Jahren gegründet habe, die Betreuung und Pflege zuhause anbietet und durchführt. Wir sind ungefähr 300 Mitarbeiter, intern und extern und wir gehen zu den Menschen nachhause als Besuchsdienst, Reinigungsdienst, Haushaltsunterstützung, Heimhilfe oder in der professionellen Pflege – Pflegehelfer oder Diplomierte – und unterstützen unsere KlientInnen soweit, wie es notwendig ist.
Wer genau ist die Wiener Hauskrankenpflege im Verhältnis zu dem Projekt Soziales Netzwerk?
Die Wiener Hauskrankenpflege ist Rahmengeber dieses Projektes und das Projekt ist das Herz der Wiener Hauskrankenpflege.
Wer genau ist die Wiener Hauskrankenpflege in der Gesellschaft?
Im Allgemeinen eine Unbekannte oder ganz wenig Bekannte, das ist so. Seit wir die auffallenden Autos besitzen, erinnern sich außerhalb dieses Bereichs Stehende wohl daran, sie gesehen zu haben, aber grundsätzlich ist sie eigentlich unbekannt.
Wohin soll sich das Projekt Soziales Netzwerk entwickeln?
Dahin, dass sich immer mehr dieser Haltung anschließen, auch durchaus institutionalisiert – es geht nicht um Finanzen – ich stelle es mir so wie bei Initiativen im Internet vor, wo wenige beginnen und andere dann auch auf der Partnerseite zu finden sind. So könnte es wachsen und sich in alle Bereiche ausdehnen. Für mich geht es in alle Richtungen. Es kann auch mal ruhen – gleichsam eine Community, wo kommuniziert werden kann – und dann wird wieder ein bestimmtes Thema besonders aktuell, und wir greifen das dann auf. Wir streben einfach eine gewisse Kraft in der Öffentlichkeit an, eine Bekanntheit, die etwas thematisieren kann. Dahin würde ich mir wünschen, dass es sich entwickelt. Und zwar ohne Naheverhältnis zu irgendetwas. Das Projekt Soziales Netzwerk ist aus der Wiener Hauskrankenpflege gewachsen, aber es ist eine eigenständige Sache.
Wohin soll sich die Wiener Hauskrankenpflege entwickeln?
Die Wiener Hauskrankenpflege ist Profi und wird sich wohl noch mehr spezialisieren. Es ist unsere Intention, uns zur Betreuung von verschiedenen speziellen Krankheitssyndromen oder Schwerpunkten weiter professionell zu entwickeln – bestimmte Neurologische Krankheitsbilder, Rehabilitation nach Arbeits- oder Freizeitunfällen. Wir sind hier teilweise schon Profis, in der Rollstuhl-Rehabilitation zum Beispiel – Transfers, Betreuung von Menschen im Rollstuhl. Oder Multiple Sklerose zum Beispiel, ein sehr schwieriges Krankheitsbild, wo wir auch jetzt schon fundiert sind und in diese Richtung auch weiter gehen wollen. Das heißt, vom Wachstum her in etwa die doppelte Größe, aber vielleicht noch spezialisierter.
Wohin soll sich die Gesellschaft entwickeln?
Zu einem bewussteren Umgang mit sich selbst. Jeder auf seinem Niveau. Und – mein persönlicher Wunsch – zu mehr Zivilcourage. Und Haltung. Jeder auf seinem Niveau. Es kann nicht jeder das Gleiche tun, aber jeder kann in seinem Umfeld und auf seiner Ebene viel beitragen und viel verändern. Das wäre sehr gesundend für die Gesellschaft.
Wie kann man diese Ziele am einfachsten erreichen?
Ausschließlich durch eigene Haltungsänderung kann man das erreichen. Es ist natürlich ein langer Prozess. Aber etwas anderes, glaube ich, geht nicht. Und die eigene Haltungsänderung pflanzt sich fort in alle Richtungen. Und es gibts ja nicht nur einen in der Gesellschaft, der seine Haltung verändert, sondern viele und da pflanzt es sich fort. Dadurch kann man auch größere Ziele schrittweise verwirklichen.
Welche Fehler darf man dabei nicht machen?
Aufgeben. Weil das Gefühl entsteht, dass es zu langsam geht. Ich kenne das von mir sehr gut: „Ah, es hat nicht gewirkt, lassen wir es, probieren wir etwas anderes.“ Man muss akzeptieren, dass es ein Prozess ist, der weit reicht, auch über unser Leben hinaus. Weil eine Gesellschaft ja auch etwas sehr großes ist. Also darf man nicht aufgeben. Diesen Fehler darf man auf keinen Fall machen. Und man sollte nicht erwarten, dass morgen sofort alles anders ist. Man muss vermeiden, zuviel zu verlangen, zuviel überzustülpen. Denn dann wird es nur noch langsamer.
Wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
Sehr gerne. Ich danke.