Eine Idee nimmt Gestalt an

Das „Soziale Netzwerk“ macht seine ersten Schritte auf dem Weg zu einem „neuen Bild des Alter(n)s“… Ein Blick auf den Beginn unserer Veranstaltungsreihe im Liebhartstaler Bockkeller

Der Begriff „Soziales Netzwerk“ begleitet die Wiener Hauskrankenpflege von Anfang an – Evelyn Weismüller verstand ja ihre Initiative immer als ein solches. Zum 20-Jahr-Jubiläum kommt der Begriff zu weiteren Ehren – als Überbegriff der ideellen, gesellschaftlichen Ziele, die das Herz der Wiener Hauskrankenpflege darstellen. Um diese Ziele öffentlich zu machen, diskutierbar und vermittelbar, wurde eine Reihe von Veranstaltungen angedacht – und mit dem ersten Termin am 27. März behutsam aus der Taufe gehoben.

Wann immer man mit Evelyn Weismüller über das Thema spricht, merkt man, wie nahe es ihr geht, wie wichtig ihr die Anliegen sind, die sie seit Jahrzehnten mit ihrem Engagement verfolgt und die sie nun auch einer öffentlichen Diskussion stellen möchte. Die Idee einer Veranstaltungsreihe gibt es schon einige Zeit, aber Evelyn Weismüller war es am richtigen Zeitpunkt gelegen – gerade weil das Anliegen wichtig ist, weil es sinnvoll und wünschenswert erscheint, wirklich etwas zu bewegen – weil es an der Zeit ist, unser aller Bild rund um das Altern und das älter Sein zumindest zu hinterfragen, wenn nicht sogar, es auf den Kopf zu stellen.

Der wirkliche Startschuss erfolgte im Sommer letzten Jahres, als Evelyn Weismüller, Julia Edtbrustner und ich in einem Gastgarten vis-à-vis unseres gewünschten Veranstaltungsraumes begannen, unsere Ideen zu sammeln. Gedanken brauchen eine gewisse Zeit, um konkret zu wachsen und eine Struktur anzunehmen, die es ermöglicht, sie auch ohne Umschweife anderen mitteilen zu können – also wählten wir das Frühjahr 2008 als Beginn für das gemeinsame Vorhaben. Unter dem Titel „Ein neues Bild des Alter(n)s“ galt es, eine Plattform zu schaffen, wo Interessierte aus allen möglichen Bereichen einander zu Austausch und Vernetzung begegnen können.

Dr. Susanne SchedtlerDr. Susanne Schedtler

Frau Dr. Susanne Schedtler, die Geschäftsführerin des Wiener Volksliedwerkes, war schnell gewonnen und stellte uns ihren wunderbaren Saal – im „Liebhartstaler Bockkeller“ – für unser Vorhaben zur Verfügung. Bei den Gesprächen mit ihr kam rasch zum Vorschein, dass unsere Ideen rund um einen „neuen“ Begriff des Alter(n)s keine Flausen in allein unseren Köpfen waren. Das Unbehagen mit dem „aktuellen“ Begriff – „Altern“ meint ausschließlich unbedeutende Menschen, die ohnehin nur mehr ihre letzten Lebensjahre fristen – ist ein allgemein spürbares.

Als Einstieg wollten wir die Latte nicht zu hoch legen und uns Zeit nehmen, das Projekt auch allgemein zu zeichnen. Wir fragten bei zwei befreundeten Organisationen im Pflege- und Betreuungsbereich an – Haus der Barmherzigkeit und Wiener Hilfswerk – und bekamen glatt zwei Zusagen für Redebeiträge im Rahmen der Veranstaltung. Die Motivation war also bestens.

Nach einer angenehm intensiven Zeit der Vorbereitung war dann auch der große Tag rasch da. Das Wetter spielte hervorragend mit und die vielen helfenden Hände der guten Geister des WHS machten die Arbeiten vor Ort zu einem Kinderspiel. Eine Absage hatten wir zwar verschmerzen müssen – Frau DGKS Claudia Degenève vom Wiener Hilfswerk konnte ihr Referat aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig leider nicht wahrnehmen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir allerdings bereits davon überzeugt, dass der Tag trotzdem gelingen würde – und er tat es auch.

Den an sich schon beeindruckenden Saal im ersten Stock des Bockkellers – der Beletage sozusagen – hatten wir mit Blumen und Buxbäumchen geschmückt, am Podium die sonnenblumentragende pink-violette Messe-Dekoration des „Sozialen Netzwerks“ angebracht und natürlich ein kleines Buffet bereitgestellt. Die Sujets des WHS mit „neuen Bildern des Alter(n)s“ wurden abwechselnd auf eine Leinwand neben der Bühne projiziert. Die Gäste hatten die Gelegenheit, sich in ein Gästebuch einzutragen und vor dem Hintergrund klassischer Musik in einer Auswahl unserer Magazine zu blättern.

Evelyn WeismüllerEvelyn Weismüller

Evelyn Weismüller eröffnete mit einer herzlichen Begrüßung und Frau Dr. Schedtler gab als Hausherrin einen kleinen Überblick über die Geschichte des Wiener Volksliedwerkes und seiner aktuellen Heimat, des Liebhartstaler Bockkellers. In ihrem darauf folgenden Referat ging Evelyn Weismüller auf die allgemeinen Anliegen des „Sozialen Netzwerks“ ein – auf den Wunsch „ein neues Bild des Alter(n)s“ durch Austausch und Kommunikation anzuregen, gemeinsam zu zeichnen. Gerade die erste Veranstaltung mit der Vorstellung der verschiedenen Perspektiven verschiedener Organisationen im Betreuungs- und Pflegebereich solle dies verdeutlichen. Die Wiener Hauskrankenpflege, entstanden aus dem Bewusstsein, dass im Alter auch Schönheit liegt, und dass Ziele, so schwierig sie auch scheinen, doch erreicht werden können, kann als Beispiel und Anregung dienen.

Prof. Dr. Christoph GisingerProf. Dr. Christoph Gisinger

Das Referat von Prof. Dr. Christoph Gisinger, dem ärztlichen Leiter des Hauses der Barmherzigkeit, trug den Titel „Altersbilder“. Eines der ersten Bilder, das er präsentierte zeigte einen – jungen – Motorradfahrer. „Die einzige Alternative zum Altern ist jung zu sterben“, kommentierte Prof. Gisinger dazu prägnant. Energetisch und mit starker Bühnenpräsenz führte er die Anwesenden durch seine Präsentation – von medizinischen Statistiken über illustrierte Cartoons und scheinbare „Idealbilder“ des Alterns – übertrieben agil dargestellte alte Menschen, mehr Zerrbilder ihrerselbst. Die demographische Entwicklung lege nahe, dass durch höhere Lebenserwartung und bessere Gesundheit der Anteil der Bevölkerung, der im höheren Alter betreut daheim leben könne, ständig wachsen werde. Die offene Frage sei jedoch, von welcher Seite das nötige Maß an Betreuung geleistet werde – Laienpflege durch Familienangehörige oder professionelle Pflege. Hier deuten die abnehmende Größe und Stabilität der Familienverbände eher in Richtung der professionellen Betreuung. Das stellt uns alle natürlich vor gesellschaftliche Herausforderungen, die auch die Politik mehr und mehr zu einem Um- und Weiterdenken fordern. Das Haus der Barmherzigkeit stellt eine Institution dar, die Menschen, die Intensivbetreuung brauchen, diese in Form einer gleichsam „größeren Wohngemeinschaft“ bietet. Es kann alles, was ein Spital kann, es wirkt aber wie ein „Zuhause“.

Nach einem kurzen Schlusswort Evelyn Weismüllers, in dem sie zur gemeinsamen Bildung des „Sozialen Netzwerks“ aufrief, gab es eine angeregte Diskussion zu den vorgestellten Themen und Institutionen, die nach und nach in ein allgemeines Plaudern bei Kaffee und Kuchen überging. Allgemeines Interesse und gute Rückmeldungen prägten das Bild.

vlnr: Evelyn Weismüller, Dr. Susanne Schedtler, Prof. Dr. Christoph Gisingervlnr: Evelyn Weismüller, Dr. Susanne Schedtler, Prof. Dr. Christoph Gisinger

In dieser Reihe sind vorerst drei weitere Veranstaltungen im Liebhartstaler Bockkeller geplant, die nächste am 10. September 2008, wo verschiedene Autoren uns ihre Bücher zum Thema des Alter(n)s präsentieren werden. Unsere Erfahrungen rund um die erste Veranstaltung geben Anlass zu großer Vorfreude auf weiteren Austausch und Vernetzung einer anfänglich bescheidenen, aber wohl stetig wachsenden Gruppe von Menschen, die das „Soziale Netzwerk“ gemeinsam bilden wollen.

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