Alter - ein Mosaik von Widersprüchen

Prof. Dr. Peter KampitsProf. Dr. Peter Kampits Auszug aus dem Redebeitrag von Prof. Dr. Peter Kampits bei der 3. Veranstaltung der Reihe “Ein neues Bild des Alterns” am 26. März 2009 im Liebhartstaler Bockkeller

Ein neues Bild des Alter(n)s? Es ist sehr schwer, dieses Bild von der Situation abzulösen, in der wir uns alle gegenwärtig befinden. Wir können von der dialektischen Spannung ausgehen, dass es sowohl ein negatives als auch ein sehr positives Altersbild gibt. Leopold Rosenmayr ist eher auf der Seite derer, die Optimismus ausstrahlen und dem Alter – deshalb auch der schöne Titel seines Buches “Schöpferisch altern” – noch sehr viel zumuten. Die Philosophen hingegen sind sowieso immer ein bisschen negativ eingestellt. Deshalb möchte ich daran erinnern, dass es – trotz aller erfreulichen Entwicklungen soziologischer, kultureller, medizinischer Art, die demografischen Entwicklungen und die berühmte Alterspyramide sind Ihnen ebenfalls bekannt – ein Nebeneinander von positiven und negativen Altersbildern gibt. Das ist keine Errungenschaft der Gegenwart, das können Sie im Grunde genommen in der ganzen Geschichte der menschlichen Kultur, vor allem in unserem abendländischen Bereich finden. Cicero hat beispielsweise in seinem Buch “Cato der Ältere über das Alter” ein positives Bild des Alterns gezeichnet. Er meint zwar, dass das Greisenalter auf der einen Seite einen Verlust von Fähigkeiten mit sich bringt, dass das aber auch etwas Positives bedeuten kann. Hierbei bezieht er sich auf die Lust. Es sei höchst erfreulich, dass die Alten vor allem in sexueller Hinsicht mit ihrer Lust viel besser umgehen können, weil sie allmählich verflacht. Das wertet er positiv. Ein sehr negatives Bild dagegen liefert Aristoteles, der meint, dass das Alter etwas eher Unerfreuliches darstelle, dass nicht nur die Kräfte des Menschen einschlafen würden, sondern auch gewisse charaktistische Eigenschaften immer wieder zu beobachten seien. Die Alten wären zänkisch, geizig und würden sich in gewisser Weise von ihrem sozialen Umfeld abkapseln. Ein Problem, das vor allem im hohen Alter auftritt, ist die Klage, dass man niemandem zur Last fallen will. Das ist meiner Meinung nach ein sehr charakteristisches Bild unserer derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklung. Ein Bild, welches das Ideal der Jugend, der Schönheit und das Ideal der Leistungsfähigkeit in sich birgt. In dem Moment, in dem die Leistungsfähigkeit geringer wird oder verschwindet, kommt es zu einem Herausfallen aus der Sozietät, aus dem sozialen Gefälle.

Sie wissen alle, dass der Pensionsschock für viele Menschen eine sehr schlimme Angelegenheit ist. Wir hatten vor einiger Zeit eine Enquete im Wissenschaftsministerium, bei der diese Problematik sehr stark im Vordergrund stand. Wir können sagen, dass die starren Altersgrenzen, mit denen man in Pension geschickt wird – im öffentlichen Dienst mit 60 oder 65 Jahren – eigentlich eine Diskriminierung bedeuten. Eine Diskriminierung, die viel weniger diskutiert wird als etwa die Diskriminierung von Migranten oder Frauen. Ich denke, das ist auch ein Zeichen unserer gesellschaftlichen Entwicklung, die auf Leistung und Profit, auf Jugendlichkeit ausgerichtet ist und dadurch zu einer gewissen Geringschätzung des Alters neigt. Der Mensch ist jedoch neben vielem anderen ein soziales Wesen und auf Gemeinschaft ausgerichtet, ein Wesen, das Kommunikation und das Intersubjektive als anthropologische Grundkonstante in sich trägt und sehr darunter leidet, wenn es aus dem Verband herausfällt und als lästig empfunden wird.

Ich denke, dass die Fremd- und Selbstwahrnehmung des alten Menschen ein ganz gewichtiges Problem darstellt. Je mehr sich die Fremdwahrnehmung ins Negative verkehrt, desto schwieriger wird es auch für den alten Menschen, sich selbst positiv zu positionieren. Wir können dieses Problem unter dem Spannungsfeld der Begriffe Autonomie und Würde zusammenfassen. Autonomie: ein Begriff, der seit der Aufklärung und Kant ein Zentralbegriff der Sozialphilosophie ist. Wir alle wollen uns von niemandem fremdbestimmen und uns sagen lassen, wie wir uns zu kleiden haben, welchen Beruf wir einnehmen sollen, welchen Menschen wir als Lebenspartner wählen. Autonomie kommt aus dem Griechischen “autonomos” und bedeutet Selbstgesetzgebung. Unser Verhalten, unser soziales und moralisches Umgehen mit anderen und mit uns selbst soll nicht von einer Autorität vorgegeben werden – weder von der Kirche noch dem Staat – sondern von uns selber zu einer Gesetzlichkeit erhoben werden. Ein theoretisch wunderbarer Begriff, doch wie steht es wirklich mit der Autonomie im Alter? Es gibt viele soziale Faktoren vom Altersbild, die dieses Durchsetzen der Autonomie oder dieses Bestehen auf Autonomie sehr erschweren. Auch der physische Zustand spielt eine Rolle. Dies betrifft dann den Bereich der Pflege und Pflegebedürftigkeit. Seit zwanzig Jahren unterrichte ich am Geriatrischen Zentrum des SMZ Ost. Ich habe neulich den Primar gefragt, wie viele Demenzkranke und Alzheimerpatienten es in diesem Heim gibt. Er sprach von 75 % der Bewohner. Das ist eine erschreckende Entwicklung, die natürlich mit dem Verlust von Autonomie verbunden ist. Einer der Grundsätze, den die Medizin und die Pflege sehr beherzigen sollte, ist der Versuch, diesen Autonomieverlust so lang wie möglich hinauszuzögern oder Maßnahmen zu ergreifen, um einen bestimmten Rest an Autonomie für den alten Menschen zu erhalten. Denn die Hilflosigkeit, die zum Selbstbild des alten Menschen gehört, kann eine Selbsterniedrigung mit sich bringen. Denken Sie an die große Anzahl von inkontinenten Menschen, die Hilfe brauchen oder Windelhosen angezogen bekommen. Zustände, die eine Art von Selbsterniedrigung mit sich bringen.

Damit komme ich zum Begriff der Würde. Jeder von uns möchte ein würdevolles Leben, aber auch ein würdevolles Sterben vor sich haben. Dieser Würdebegriff ist jedoch sehr schwer zu konkretisieren. Was ist Würde? Die Antworten sind vielfältig, aber es ist ebenso schwierig, sie in die Praxis umzusetzen. Es gibt zwei Theorien: Die eine geht davon aus, dass die Würde dem Menschen inhärent ist. Begründet wird dies auf zweierlei Weise. Die erste Weise spielt in den religiösen Bereich hinein. Denken Sie an den Beginn der Genesis: Gott schuf den Menschen zu seinem Bild und Gleichnis. Diese religiöse Begründung mag zwar plausibel sein, hat aber den Nachteil, dass man daran glauben muss. Wer nicht daran glaubt, wird mit dieser Begründung wenig anfangen können. Der zweite Weg liegt in der Aufklärung bei Immanuel Kant, für den die Würde in der Vernunftfähigkeit und Autonomie des Menschen begründet liegt. Wie ist es mit einem Menschen, der diese Autonomie und Vernunftfähigkeit – ich spiele noch einmal auf die Demenzkanken und Alzheimerpatienten an – nicht mehr aufweist? Ist er dann entwürdigt, steht ihm dann Würde noch zu? Das würde in extremis dazu führen, dass man sagt: Gut, dann euthanasieren wir die Alten, Gebrechlichen und Kranken, dann sind wir sie los. Wir sollten den Würdebegriff differenziert betrachten. Neben dem inhärenten Würdebegriff, der dem Menschen als Menschen zugesprochen wird, gibt es einen zweiten Zugang: Die Würde kann aus unserem sozialen Bereich abgeleitet werden, sie ist mit Respekt und Achtung in enger Weise verbunden und stellt eine Art Gestaltungsauftrag dar. Sie ist etwas, das uns aufgegeben ist, wir also nicht automatisch haben. Bei beiden Begriffen gibt es viele Haken und Probleme.

Es ist interessant, dass das deutsche Grundgesetz, das unseren Verfassungsgesetzen entspricht, in seinem Artikel II den Satz enthält: “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt.” Das ist unlogisch, denn es würde bedeuten, dass ein für einen Menschen entwürdigender Vorgang gar nicht existiert. Man könnte dieser Theorie zufolge einen Menschen vergewaltigen, foltern, aber dadurch seine Würde nicht antasten. Deshalb denke ich, dass der zweite Versuch – die Würde als Gestaltungsauftrag zu sehen – für uns etwas sehr Wesentliches darstellt. Wie lässt sie sich umsetzen? Ein krasses, plakatives Beispiel: Die Frage nach Sterbebegleitung und Sterbehilfe. Wir alle wollen würdig sterben. Heißt das aber jetzt, dass dieses würdige Sterben durch unsere Autonomie am besten erfüllt wäre, dass wir also – so wie wir in unserem Leben unsere Entscheidungen fällen – auch in der Zeit unseres Sterbens entscheiden sollen? Eine Theorie besagt: Das liegt in der Autonomie des Menschen und darf ihm nicht genommen werden. Der Staat bzw. die Gemeinschaft hätten bei solchen Entscheidungen am Sterbebett nichts verloren. Eine andere Theorie religiöser Provenienz beharrt darauf: Leben ist Geschenk Gottes, nur Gott hat das Recht, den Menschen auch wieder abzuberufen. Wer immer bei Schwerkranken oder auf Intensivstationen war, der weiß: Trotz aller Fortschritte in der Palliativmedizin und dem Hospizwesen kann man nicht behaupten, dass diese Problematik ideal gelöst sei.

Das Nebeneinander von positiven und negativen Altersbildern wird uns auch in einem neuen Bild des Alters nicht verlassen. Es ist ein Bild, in dem verschiedene Konturen nicht mehr recht zueinander passen. Der Soziologen Prisching hat in einem interessanten Aufsatz geschrieben: Wir waren noch nie so viele und wir waren noch nie so alt. Das ist ein gesellschaftliches Problem, das auf uns zukommt, auch wenn es positive Seiten hat. Aber dass mit dem Alter und dem physischen Verfall die Neigung zu Krankheiten, die oft ein hohes Maß an Verlust von Lebensqualität bedeuten, gegeben ist, lässt sich nicht leugnen. Apropos Lebensqualität im Alter: Wie misst man sie? Sie ist sehr situativ und individuell – sie lässt sich nicht allgemein bestimmen. Ich kenne Menschen, die ihren Porsche in den Sand gesetzt haben und meinen, sie hätten keine Lebensqualität mehr. Es gibt anderseits solche, die mit den geringsten Mitteln und in einer großen Gebrechlichkeit immer noch eine große Lebensqualität aufweisen. Diese Art des Selbstverständnisses sollte man gesellschaftlich befördern – mit gewissen Hilfen und Techniken, aber vor allem dadurch, dass man auch älteren Menschen Achtung, Respekt, Zärtlichkeit und Liebe entgegenbringt.

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