Prof. Dr. Leopold Rosenmayr
Elemente aus dem Referat von Prof. Dr. Leopold Rosenmayr , gehalten am 26. März 2009 im Rahmen der dritten Veranstaltung der Reihe “Ein neues Bild des Alter(n)s”
Ich beziehe meinen Vortrag auf verschiedene Grundsätze und historische Aspekte unseres Lebens : auf das, was als Erbe aus den verschiedenen Kulturen über das Alter zu uns gekommen ist und womit wir als sozialer oder kultureller Erinnerung leben.
Das Logo „Tu dir was Gutes, lass dir helfen“ hat seine Berechtigung. Meine Grundlinie ist jedoch eine andere: nicht sich helfen zu lassen und bereit zu sein, sich immer weiter helfen zu lassen, sondern sich selbst weiterzuentwickeln bzw. das Helfen in die Hand zu nehmen. Das Fördern der Selbstwirksamkeit steht für mich im Vordergrund.
Was heißt das? Die Selbstwirksamkeit nimmt an, dass der Mensch einen locus of control – einen Ort innerer Kontrolle – aufgebaut hat. Dieser locus of control muss sich in Hinblick auf die verschiedenen Veränderungen des Körpers und der sozialen Verhältnisse wandeln. Zum locus of control gehört, dass man fähig wird, Überraschungen der verschiedensten Form zu verarbeiten: Einbrüche in Bereichen der Gesundheit, Enttäuschungen in sozialen Beziehungen. Der Begriff “Schöpferisch altern” bedeutet, dass der innere Kontrollpunkt des Menschen, dass der locus of control erhalten bleibt. Aus dieser Gefestigtheit vermag sich eine Zukunft des Alterns bzw. eine Zukunft für die eigene Entwicklung im späten Leben herauszubilden.
Die biologische Evolution hat uns Menschen im Rahmen der Primaten, der uns nahestehenden und hoch entwickelten Säugetiere, besonders ausgestattet. Unser Gehirn hat in seiner Entwicklung durch besondere Herausforderungen des Frühmenschen unsere nächsten Verwandten, die Primaten, übertroffen. Wie Gerd Keppermann gezeigt hat, ist das menschliche Gehirn in Folge seiner besonderen Komplexität imstande, Erregungszustände in Netzwerken zu schaffen. Damit wir denken und uns in unserer Welt bewegen können, werden wir in neurologische Prozesse eingebunden. Die menschlichen Nervenzellen bilden viel stärker dauernd neue Endungen aus, als lange Zeit von der Wissenschaft vermutet wurde. Unser Langzeitgedächtnis ist darauf aufgebaut, dass die Nervenzellen diese Endungen ausbilden und dann synaptische Verbindungen in der Art eingehen, die schließlich zu unserem anatomischen Bestand werden. Wir brauchen laufend das so aufgebaute Langzeitgedächtnis, nicht erst im Alter. Aber im späten Leben tun wir oft gut daran, es abzurufen, uns zu fragen, wie wir gehandelt haben. Es erhält dann auch zunehmend moralische Signifikanz.
Geist und Körper wirken zusammen. Die körperliche Bewegung bietet uns eine unerhörte Möglichkeit, die Nachdenklichkeit zu fördern. Es ist wichtig, dass durch den Körper Anregungen entstehen und man jene Ich-Anteile in sich kultiviert, die um den eigenen Kontrollbereich, den locus of control herum, gegliedert sind. Das eigene Ich sollte die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient. Dabei muss man wohl auch die Kürze des Lebens berücksichtigen. Der Philosoph Seneca hat im 1 Jh. n. Chr. gesagt:”Das Leben verlässt die Menschen, während sie sich gerade darin einrichten.”
Drei Aspekte erscheinen mir zentral: Das Laufen, das Walken usw., das Lernen und das Lieben. Sie haben eine innere Verbindung. Das Laufen animiert das Lernen: Wenn Sie in der Prater Hauptallee laufen oder walken, wenn Sie dort unterwegs sind und die Natur beobachten, dann regt Sie das zum Beobachten, zum eigenen Lernen an. Es animiert Sie. Es ist wichtig, sich über das Lernen auch eine Zuwendung zur Umwelt und zu anderen Menschen aufzubauen. Beziehungen zu wagen und zu stärken bedeutet die Überwindung dessen, was im vergangenen Jahrhundert immer wieder dargestellt wurde: dass die Alten von der Zeit erstickt werden, dass der grausame Tod Chronos seine Flügel sehr früh und rasch ausbreitet. Wir sollten in unseren aktuellen Verhalten auch die Verbindung zu den großen Ideen der Vergangenheit nicht verlieren. Jede Erneuerung braucht eine Absicherung. Absicherung heißt, sich auf jemanden berufen zu können, auf einen oder mehrere Ahnen. Ich darf Ihnen vielleicht ein kurzes Beispiel aus meiner eigenen Lebenserfahrung schildern: Mein Urgroßvater, mein Ahne, war ein Mühlviertler Bauer, der im 100. Lebensjahr verstarb. Ich war 13 Jahre alt, als er mich und meinen zweieinhalb Jahre jüngeren Bruder in den Obstgarten hinaus mitnahm. Auf einmal verlangte er, dass wir uns niederknien, dann zeichnete er uns beiden ein Kreuz auf die Stirn, ganz wortlos. Dann hieß er uns aufstehen. Es war ein wortloses Begegnen, eine Geste, die mir unvergesslich bleibt. Weder die Firmung, noch die Kommunion, noch irgendein anderer kirchlicher Anlass hat mich so sehr ans Christentum gebunden wie diese Geste des Urgroßvaters.
Einige wenige Aspekte des Alterns möchte ich hier noch darstellen: Abschätzung des eigenen Potentials in den Möglichkeiten der Welt: Was und wie kann ich es noch leisten? Wodurch kann ich mir selbst und anderen Menschen näher kommen? Wie kann ich meine eigenen Emotionen in Sprache äußeren? Das, was den Homo sapiens aus der großen Familie der Primaten herausgehoben hat, war die Sprache. Durch die Sprache sind wir aus der biologischen Evolution herausgetreten. Wir haben eine eigene Kulturfähigkeit entwickelt. Daraus lässt sich Handlungsmut gewinnen. Durch Sprache und Kultur waren die Menschen imstande, mit Handlungsmut Angefangenes fortzusetzen. So konnte sich aus der Sprachfähigkeit eine schriftliche Darstellung entwickeln, ein großer Schritt für die Menschheit. Aber vor allem wäre auch die gesprochene Sprache zur Differenziertheit ihrer Emotionen vor allem im Hinblick auf Zuwendung, Dankbarkeit, Vermittlung fähig. Sie wird dazu wenig benutzt.
Chancen des verlängerten Lebens: Umsetzung von persönlichen und sozialen Wünschen. Viele Menschen entdecken erst mit 50 Jahren, dass sie Wünsche haben. Sie fragen sich: Was wollte ich eigentlich auf der Welt? Wie kann ich noch zielgerichtete Pläne hinsichtlich dieser Wünsche entwickeln? Wer bisher nicht die eigenen Wünsche an sein Herz heranließ, ist dringend eingeladen, diese näher zu beachten. Es gibt realistische Vorausrechnungen, dass wir am Ende des Jahrhunderts über 100 Jahre hinaus leben werden. Mädchen, die heute geboren werden, haben bereits eine durchschnittliche Lebenserwartung von 100 Jahren. Es wird wichtig sein, dass diese Menschen mit 40 oder 50 beginnen, ihre eigenen Wünsche zu entdecken und dass sie diese Wünsche auch umzusetzen suchen. Die Globalisierung gibt uns die Möglichkeit, in andere Kulturen wirksam Einblick zu nehmen. Doch gibt die Fähigkeit der Kulturerkundung uns etwas Besonders zurück, die Möglichkeit in die eigene Kultur hineinzublicken, mit neuen Augen. D. h. sie gibt uns die Möglichkeit – wie das Heidegger formuliert hat – durch eine Grundbesinnung nicht weiter-, sondern zu sich zurückzugehen. Eine Globalisierung, ohne zu unserer eigenen Kultur – einschließlich Christentum – zurückzukehren, ist keine gute Globalisierung, oder keine angemessene. Um neu zu schauen, sollten wir beherzigen, was der junge Wunderrabbi forderte: Um dein Leben zu bewältigen, musst du neu geboren werden, dich innerlich erneuern.
Was geschieht, wenn jemand älter wird? Wie kann der neu geboren werden? Die verblüffende Antwort Jesu war: Du musst bereit sein für Überraschungen, und zwar aus dem Geist Gottes heraus, der weht, wo er will. Das steht im 3. Kapitel des Johannesevangeliums. Das führt nicht in Unbestimmtheit. Der Geist ist einer, den man entschlüsseln muss. Dies ist ganz entscheidend für die europäische Kultur: die Selbstentschlüsselung. Man muss die Archäologie des eigenen Bewusstseins leisten und vor sich hinstellen. Das setzt voraus, wie in der Archäologie Ausgrabungsarbeit zu leisten, Kindheitserlebnisse und Jugend auszugraben und zu fragen: Wer war ich und warum war ich so wie ich war? Dann kann ich weiter sehen, Freundschaften pflegen, verschiedene Formen und Ebenen von Liebe erschließen. Wer sich selber kennen lernt, erschließt damit die Achtung vor den Anderen, zumindest in einem guten Schritt. Denn Achtung zu entwickeln ist eine Lebensaufgabe. Sie ist eine Form eigenen Wachstums. Platon schreibt: Die Götter haben nicht immer alles von Anfang an geoffenbart. Der Mensch muss weiter suchen. Die Evolution hat das für ihre eigenen Geschöpfe getan. Sie hat nie nachgebessert, sondern immer wieder neu angefangen. Den Menschen ist es hingegen möglich, im eigenen Leben suchend, das Bessere zu finden. Mit flatternden Flügeln oder einer inneren Offenheit, einem Aufgewachtsein, lässt sich besser erkennen. “Echte und aufrichtige Absichten – sie führen zur korrekten Ausrichtung des Herzens”, schrieb Konfuzius. Es gibt kein fertiges Bild des Alterns. Wir müssen es in uns selbst entwickeln, vielleicht sogar für andere vorleben. Wir vermögen es, mit den Grundkonzepten der inneren Bewegtheit Entwicklung zu leisten. Viele von uns vertrauen darauf, dass der Gott der Christen und Juden kein starrer Gott ist, sondern einer, der für die Erneuerung des Menschen eintritt und für sie seine Wirksamkeit entfaltet. Es ist gut zu wissen: Gott hat den Menschen so geliebt, dass er seinen Sohn als Vorbild hinstellen konnte. Er gibt den Jungen die Möglichkeit, eine Verkündigung zu hören, in der er als Vater seinen Platz hat. Seine Väterlichkeit blockiert den Menschen nicht, sondern ist Beistand. Der Geist, der den Vater und den Sohn verbindet, bleibt als eine Grundauffassung der europäischen Kultur von Bedeutung: Es gibt einen vom Geist geleiteten Prozess zwischen Jung und Alt, Vater und Sohn. Die Menschen können oder könnten einander beistehen und zur korrekten Ausrichtung des Herzens Hilfen geben.
Es gibt einen vom Geist geleiteten Prozess, und zwar dort, wo das Selbstvertrauen wächst und der locus of control seine Entwicklung erhält. Dazu ist nötig, dass man sich selber im Blick behält, sich korrigiert, entfaltet und öffnet. Wir entnehmen diesen Grundgedanken des Sich-selbst-Einordnens, Sich-selbst-Korrigierens nicht nur allen großen Kulturen sondern auch aus der kritischen Selbstbeobachtung. Sie ist und bleibt eine vordringliche Aufgabe des Älterwerdens.
Neue Literatur: Leopold Rosenmayr „Schöpferisch altern – ein Philosophie des Lebens“, LIT Verlag, Berlin-Wien, 1. Auflage 2007 Leopold Rosenmayr „Überwältigung 1938 Frühes Erlebnis – späte Deutung“, Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar, Wien 2008