Renate Daimler, Autorin des Bestsellers „Verschwiegene Lust – Frauen über 60 erzählen von Liebe und Sexualität“ widmete sich in ihrem Vortrag am 10. September einem Thema, das nach wie vor mit vielen Tabus belegt ist.
Sie war die dritte und somit letzte Referentin der Veranstaltung. Trotz der fortgeschrittenen Stunde war es für Renate Daimler jedoch ein Leichtes, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Dies lag zum einen an der Brisanz ihres Themas, zum anderen aber auch an ihrer offenen und lebendig eloquenten Präsentation.
Am Beginn ihres Vortrages erzählte Renate Daimler, weshalb sie sich bereits vor 20 Jahren – als knapp 40-Jährige – mit Erotik und Sexualität im Alter zu beschäftigen begann. Durch ihre damalige Mitarbeit an der Patientenreihe „Alter ist keine Krankheit“ entdeckte sie zu ihrer großen Verwunderung, dass der Aspekt der Erotik leider vollkommen ausgeblendet wurde. Umso nachdenklicher stimmte sie kurze Zeit später ihre Begegnung mit einem etwa 70-Jährigen an einem griechischen Strand. Im Bewusstsein seiner erotischen Ausstrahlung flirtete der 30Jahre ältere Mann unverhohlen und siegessicher mit ihr. Renate Daimlers Blick fiel während des Balzrituals des Griechen auf zwei Frauen, die die Szene interessiert verfolgten. Sie mochten um die 50 gewesen sein, hatten ein Handtuch auf ihren Schoß gelegt und hielten die Arme über der Brust gekreuzt, so als sei der Nacktstrand nur für die Jungen und Schönen da. Ihr ganzes Gebaren ließ erkennen, dass sie sich nicht mehr begehrenswert fühlten und voller Resignation auf den grauhaarigen Mann blickten, der soeben eine deutlich Jüngere feurig umwarb. Unweigerlich drängte sich Renate Daimler die Frage auf: Ist es das, was auch mich in 10 Jahren erwartet? Werde auch ich mich nicht mehr begehrt und begehrenswert fühlen?
Diese Episode ist ein exzellentes Beispiel für den so genannten „double standard of aging“: Der Umgang mit Erotik und Sexualität im Alter wird von den Geschlechtern unterschiedlich erlebt. In der Gesellschaft wird älteren Männern das Bedürfnis nach körperlicher Nähe eher „zugebilligt“ als Frauen. Dies betrifft vor allem den Altersunterschied zwischen verschiedengeschlechtlichen Partnern. Während der attraktive Grieche mit größter Selbstverständlichkeit mit einer 40-Jährigen flirten kann, käme es einem großen Tabubruch gleich, wenn sich eine 70-Jährige auf dieselbe Weise einem 40-jährigen Mann nähern würde. Renate Daimler brachte es in ihrem Vortrag auf den Punkt: Es gibt keine Gleichberechtigung in Erotik und Sexualität. Dennoch lag es ihr fern, Frauen lediglich in der Rolle der Opfer darzustellen. Sie akkredierte auch diesen eine gewisse „Mitschuld“.
Als Leiterin von Vorträgen und Workshops in Altersheimen machte Renate Daimler oftmals die Erfahrung, dass die Art, wie Betreuende mit den erotischen Wünschen der Heimbewohner umgehen, sehr stark von der eigenen Biografie geprägt ist. Der Wunsch, Sexualität zu leben, hat primär mit der Herkunft zu tun, nicht jedoch mit dem Alter. Wer sein Liebesleben als bereichernd und erfüllend empfindet, wird auch in späteren Jahren die Sehnsucht nach Nähe und Erotik in sich verspüren. Wer jedoch Sexualität als etwas Unangenehmes, womöglich sogar Unterdrückendes erlebt, wird im Alter getrost darauf verzichten. Wenn Betreuende einen offenen Umgang mit Erotik und Sexualität haben, können sie den Betreuten ihre Bedürfnisse viel leichter zugestehen. Hierbei ist Ehrlichkeit erforderlich! Wie Ergebnisse der Gehirnforschung gezeigt haben, ist es unmöglich, die eigenen Vorstellungen nicht nach außen zu transportieren. Das heißt: Wer denkt, dass ein alter Mensch keine sexuellen Empfindungen mehr haben dürfe, wird diese Einstellung automatisch nach außen tragen. „Unsere Gedanken verantworten wir selbst. Es genügt bereits, dass Sie jemanden betreuen und von ihm denken, er sei– überzeichnet formuliert – ein geiler, alter Sack, weil er noch „möchte“, um in diesem Menschen etwas anzurichten. Denn diese Nachricht kommt bei ihm an, auch wenn Sie sie nicht aussprechen, “ so Renate Daimler in ihrem Vortrag. Deshalb rät sie allen Betreuenden dazu, sich ganz bewusst mit den eigenen Vorstellungen und der eigenen Biografie auseinanderzusetzen.
Am Ende ihres Vortrags rezitierte Frau Daimler aus einem Interview mit der deutschen Kabarettistin Lotti Huber, das dem Buch „Verschwiegene Lust – Frauen über 60 erzählen von Liebe und Sexualität“ entnommen war. Die folgende Passage zeigt, in welch zahlreichen Facetten Erotik erlebt werden kann:
„Ich habe ein sehr abwechslungsreiches und interessantes Liebesleben gehabt. Jetzt genieße ich die Kreativität, die aus dieser Erfahrung kommt. Hat es jemals einen Eunuchen gegeben, der kreativ gewesen ist? Es gibt keinen solchen großen Schriftsteller, keinen Bildhauer, keinen Maler. Nimm die Sexualität weg, und der Mensch ist steril. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Erotik ist eine Sublimation, eine Übersetzung der Sexualität. Wenn ich die nicht hätte, dann könnte ich gar nicht arbeiten, dann wäre ich fossiliert, dann hätte ich keine Ausstrahlung. Sexualität ist die einfachere Form. (…) Du schläfst mit jemandem, und dann ist es vorbei. Ein Feuer, das rasch erlöscht. Die Erotik hört nie auf. Die Nähe, die Berührung, die Atmosphäre, all das ist viel wichtiger. Eine Frau, die das nicht weiß, die nicht erotisch ist, wird ihren Mann verlieren. Ich finde ältere Männer unglaublich erotisch. Man sieht ihnen das Wissen an, man sieht ihnen das Drama an, das sie gelebt haben – hinreißend.
Aber Erotik ist auch, wenn ich eine schöne Vase sehe oder einen schönen Stoff oder einen schönen Schmuck. Erotisch ist meine Katze, wenn sie mit ihren wunderbaren Bewegungen durch mein Studio geht. Erotik ist eine schöne Hand, ein schöner Mund, wie einer ein Glas füllt, wie er sich über die Stirn streicht, wie er ein Buch nimmt…
Ich bin einmal mit einem Mann zum Essen ausgegangen. Die Art, wie er die Seezunge zerlegt hat, mit seinen schönen Händen, das war unglaublich erotisch. Und ich habe mir gedacht: „Schätzchen, lass mich deine Seezunge sein.“ Da habe ich ihn geheiratet.“