DI Dr. techn.
Christiane Feuerstein DI Dr. techn. Christiane Feuerstein hat in ihrem Redebeitrag bei der 3. Veranstaltung der Reihe “Ein neues Bild des Alter(n)s” architektonische Konzepte präsentiert, die den Bedürfnissen und Anforderungen älterer Menschen angepasst sind.
Altern – Kultureller Prozess und architektonisches Abbild
Altern ist nicht nur ein Prozess der physiologischen und psychologischen Veränderung, sondern auch ein kultureller Prozess, von dem die gesellschaftliche Vorstellungen und Wertungen dieses Lebensabschnitts und der Umgang mit der Begrenztheit der Lebenszeit bestimmt sind. Diese auch innerhalb eines Kulturkreises einem Wandel unterliegenden Vorstellungen von Alter haben stets die Leitbilder der im Sozial- und Gesundheitswesen tätigen Organisationen und die entsprechenden architektonischen Typologien geprägt. Armen- und Versorgungshäuser ersetzten die mittelalterlichen Spitäler. Pflegemodelle, die sich überwiegend an Defiziten, wie Krankheit, Gebrechlichkeit oder Hinfälligkeit orientierten, führten am Beginn des 20.Jahrhunderts zu einem Konzept der versorgenden Pflege. In vielen großen europäischen Städten entstanden, dem Leitbild der Zentralisierung von Versorgungseinrichtungen folgend, große autarke Einrichtungen mit innerbetrieblich optimierten Abläufen. So wurden im Versorgungsheim Lainz am Rande des Wiener Walds die unterschiedlichen Abteilungen wurden in einzelnen Gebäuden, Pavillons, untergebracht. Diese Form der räumlichen Organisation ermöglichte vielfältige Formen der Differenzierung, und zwar sowohl nach gesundheitlichen als auch nach sozialen Kategorien.
Altern – Eine Beziehung zwischen Mensch und Umwelt
Altern ist – genau wie wohnen – eine interaktive Beziehung zwischen einer Person und ihrer Umwelt. Das subjektive Wohlbefinden einer Person wird bestimmt durch die Übereinstimmung der Bedürfnisse der Person und ihrer Erfüllung in der Interaktion der Person mit ihrer Umwelt; je höher die Übereinstimmung, desto größer das subjektiv empfundene Wohlbefinden. Zur Umwelt gehören jedoch nicht nur die baulichen Strukturen, sondern auch die Familie, Freunde, soziale Kontakte. Im Alter entstehender Unterstützungsbedarf resultiert daher nicht nur aus dem individuellen Gesundheitszustand und der individuellen Fähigkeit zur Bewältigung der Lebenssituation, sondern auch aus der gesamten Lebenslage, die nicht nur durch die persönlichen Ressourcen, sondern auch durch das soziale und bauliche Umfeld bestimmt wird. Die Haushaltsgrößen haben sich in Wien in den letzten Jahrzehnten immer stärker reduziert, d.h. immer weniger Menschen leben gemeinsam in einer Wohnung. Dieser Prozess trägt zu einer Abnahme des Potentials der informellen Hilfe bei, da persönliche Einschränkungen in der alltäglichen Lebensführung nicht durch andere Haushaltsmitglieder ausgeglichen werden können.
Die räumlichen Ebenen der Beziehung zwischen Person und Umwelt
Die Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt spielt sich auf vier räumlichen Ebenen ab: Die erste Ebene ist die individuelle Wohnung, die zweite das Gebäude oder die Hausgemeinschaft (Mikroebene), die dritte die Nachbarschaft oder die unmittelbare Wohnumgebung (Mesoebene) und die vierte das weitere Umfeld, das Quartier, das Stadtviertel (Makroebene). Prinzipiell unterscheiden sich die Wohnbedürfnisse älterer Personen nicht wesentlich von denen jüngerer, doch wird mit zunehmenden Alter die Wohnung zunehmend zum alleinigen Lebensmittelpunkt und gewinnt dadurch an Bedeutung. Da „Alltag“ für ältere Menschen vor allem „Wohnalltag“ ist, leiden sie besonders unter lieblos gestalteten und schlecht ausgestatteten Wohnungen – können aber umgekehrt auch von einer guten Wohnungsausstattung und ihre Ressourcen unterstützenden Maßnahmen profitieren.
Die Wohnung. Wichtige Beiträge zum Wohlbefinden und zur Wohnqualität liefern nicht nur ein großzügig gestalteter Sanitärbereich, schwellenlose Übergänge ins Freie, auf Balkon oder Terrasse, sondern auch ungestörte Blickbeziehungen nach außen, in den Garten, auf die Straße, die durch Vorhänge oder Schiebeläden individuellen Bedürfnissen angepasst werden können. Niedrige Parapethöhen bei den Fenstern oder französische Fenster ermöglichen den Blick ins Freie auch im Sitzen oder Liegen. Da ältere Menschen viel Zeit in der Wohnung verbringen, ist nicht nur auf eine entsprechende Belichtung der Wohnung, sondern auch auf die Besonnung der Wohnung zu achten. Um einer Überhitzung der Räume vorzubeugen, ist ein entsprechender Sonnenschutz vorzusehen, ohne jedoch im Winter die Besonnung einzuschränken.
Das Gebäude. Bei der Gebäudegestaltung ist auf eine barrierearme und die Orientierung erleichternde Gebäudeerschließung (Lift, Rampen) zu achten. Der Hauseingang sollte barrierefrei erreichbar und witterungsgeschützt sein, die Bedienungselemente, wie Klingel, Lichtschalter, Türbedienung, Briefkästen, Gegensprechanlage etc. sollten leicht lesbar und wenn möglich auch vom Rollstuhl aus erreichbar sein. Weiters ist auf eine ausreichende Schriftgröße und eine adäquate Ausleuchtung zu achten.
Die Wohnumgebung ist durch die Siedlungsstruktur geprägt. Der Anteil von Grünflächen und die Möglichkeiten und Vielzahl nachbarschaftlicher Kontakte werden durch die Bebauungsstruktur (Einfamilienhaussiedlung, Siedlung in Zeilenbauweise, Blockrandbebauung in einem gründerzeitlichen Quartier) beeinflusst. Die Grünflächen sollten nicht einfach nur in Zonen für bestimmte Nutzergruppen – da ein Spielplatz für Kinder, dort ein Ruhebereich für ältere Menschen – aufgeteilt sein, sondern vielfältige Möglichkeiten bieten, sich im Freien aufzuhalten.
Das Stadtquartier. Die siedlungsräumlichen Strukturen bestimmen auch die Elemente der Makroebene des Quartiers, wie die Größe der Grünräume (Parks), die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, sowie die Angebote der sozialen und gesundheitlichen Infrastruktur und das fußläufig erreichbare Dienstleistungs- und Warenangebot.
Wohnformen
Für die überwiegende Mehrheit aller ÖsterreicherInnen geht der Wunsch, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung zu leben, auch im hohen Alter in Erfüllung. So lebten 2007 nur 0,6 Prozent der unter 70-Jährigen ÖsterreicherInnen in einer stationären Einrichtung, einem Seniorenwohnheim oder Pflegeheim. Jedoch steigt mit zunehmendem Alter dieser Anteil deutlich an. 2007 lebten 5,6 Prozent der 80 bis 85-jährigen Österreicher in einer stationären Einrichtungen und bei den über 85-Jährigen beträgt der Anteil bereits 17,2% (Quelle: Statistik Austria, Anstaltszählung, nur HWS, Mittelwert zwischen 1.10.2007 und 31.3.2008, Bevölkerung 1.1.2008). Dabei sind deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen auszumachen. So wurde bei der letzten Volkszählung (2001) festgestellt, dass in den stationären Einrichtungen (Altenheimen) der Anteil der hochbetagten Frauen (16.271 Personen) den der hochbetagten Männer (2.853 Personen) fast um das 6-fache übersteigt (Quelle: Statistik Austria, Volkszählung 2001, Stand 15.5.2007).
Zwischen den Polen Zuhause leben mit Unterstützung von durch die öffentliche Hand bereit gestellten Diensten und dem Leben in einer stationären Einrichtung haben sich inzwischen Übergangsformen und alternative Wohnmodelle entwickelt, die dem Wunsch nach selbstbestimmtem Wohnen bis ins hohe Alter bzw. vielfältigen Lebensentwürfen einer modernen Gesellschaft eher entgegenkommen. Die Motive und die inhaltlichen Schwerpunkte für die Realisierung von Wohnmodellen jenseits der stationären Einrichtungen sind unterschiedlich. Betreutes Wohnen und integriertes Wohnen sind eher Initiativen der öffentlichen Hand und werden in der Regel hoch gefördert. Selbstorganisierte Wohnmodelle sind meist privat initiiert und haben selten Anspruch auf Förderungen.
In selbstorganisierten Wohnmodellen finden Personen aufgrund gemeinsamer Interessen, übereinstimmender Lebenseinstellungen oder ähnlicher Lebensphasen zusammen. Durch gegenseitige Hilfe beim nachbarschaftlichen Wohnen erhofft man sich nicht nur mehr Sicherheit und Alltagsunterstützung, sondern auch mehr Lebensqualität. Bei selbstorganisierten Wohnprojekten handelt es sich meist um Bauvorhaben, bei denen die BewohnerInnen in unterschiedlicher Art und Weise am Planungs- und Gestaltungsprozess beteiligt waren. In keinem Fall wurde ein fertiges „Produkt“ den zukünftigen NutzerInnen angeboten.
Von integrierten Wohnmodellen spricht man, wenn besonderer Wert auf das Erreichen einer differenzierten Bewohnerstruktur in einer Wohnanlage oder in einem Quartier gelegt wird. Im Vordergrund steht die Integration von am Wohnungsmarkt benachteiligten Personengruppen (ältere und behinderte Personen, Alleinerziehende mit ihren Kindern etc.) in ein Wohnhaus, unterstützt durch begleitende Maßnahmen. Durch die Erweiterung bzw. Ergänzung bestehender sozialer und kommerzieller Einrichtungen wird in der Wohnumgebung das Angebot erhöht.
Zu den Initiativen der öffentlichen Hand gehört das seit Mitte der 1990er Jahre von den Sozialabteilungen einiger Bundesländer – zum Beispiel Oberösterreich – verfolgte Konzept des betreuten oder betreubaren Wohnens. Dabei werden von Wohlfahrtseinrichtungen barrierefreie, altersgerechte Kleinwohnungen in Verbindung mit Betreuungsleistungen angeboten. Diese Wohnform eignet sich besonders für Personen, die aufgrund baulicher Barrieren, zum Beispiel aufgrund eines fehlenden Lifts, nicht in ihrer Wohnung bleiben können oder die von der bestehenden Infrastruktur sehr weit entfernt leben. In vielen Konzepten ist die räumliche Nähe der betreuten Wohnungen zu einer bestehenden Senioreneinrichtung geplant. Bei Bedarf kann so die Übersiedlung in eine Pflegeeinrichtung eher gewährleistet werden.
Die Stadt Wien fördert betreute Seniorenwohngemeinschaften. Hier ist das Ziel, Personen, die nicht alleine leben können und ambulante Betreuung brauchen, Wohnplätze in großen Wohnungen für sechs bis acht Personen anzubieten. Die Betreuung und Alltagsunterstützung wird durch Wohlfahrtsvereine sichergestellt. In Ergänzung zu diesem Angebot wurde 2007 von der Caritas Socialis speziell für demente Menschen in einem typischen Wiener Gemeindebau in Liesing ein ehemaliges Jugendzentrum für eine Wohngemeinschaft adaptiert. Hier leben Personen, die an Alzheimer-Demenz leiden, Verhaltensauffälligkeiten zeigen und nicht mehr alleine zu Hause leben können, da sie „rund um die Uhr“ einen Anleitungs- und Betreuungsbedarf in der Bewältigung des Alltags haben. Das Betreuungsteam besteht aus HeimhelferInnen, PflegehelferInnen und diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegepersonen sowie einem Bereitschaftsdienst während der Nacht. Die Bewohner haben freie Arztwahl, und im Bedarfsfall wird der Notarzt gerufen. Die Wohngemeinschaft schafft für demente Menschen einen neuen, bedürfnisgerechten Wohn- und Lebensraum, in dem der Alltag ohne heimtypische Strukturen und Regelungen gelebt wird. Ziel der neuen Wohn- und Betreuungsform ist es, Lebensqualität durch größtmögliche Alltagsnähe bei höchstmöglicher Autonomie zu schaffen.
Quartierskonzepte
Sowohl im Bereich des Wohnens als auch im Bereich der Pflege entsprechen bestehende Standardangebote immer weniger den unterschiedlichen Wohnwünschen und Bedürfnissen der älter werdenden Generationen. Die Zukunft wird durch die Gleichzeitigkeit konträrer Entwicklungen charakterisiert sein. So wird einerseits die Zahl der älteren Menschen zunehmen, die diesen Lebensabschnitt eigenständig gestalten, andererseits wird auch die Zahl derjenigen zunehmen, die – besonders im hohen und sehr hohen Alter oder wenn sie an Demenz oder anderen Alterserkrankungen leiden – ständige Unterstützung benötigen.
Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass es in Zukunft für eine bedarfsgerechte Versorgung mit altersgerechten Wohnangeboten nicht ausreicht, einzelne besonders zukunftsfähige Wohnformen zu entwickeln und zu verbreiten. Ebenso wichtig ist es, diese Angebote mit bestehenden Versorgungsstrukturen zu vernetzen und in bestehende Wohngebiete zu integrieren. Quartiersbezogenen Konzepten, die unterschiedliche Wohn- und Betreuungsformen in bestehende lokale Kontexte integrieren, wird daher in Zukunft eine zentrale Bedeutung zukommen.
Buchtipp: Christiane Feuerstein: Altern im Stadtquartier. Formen und Räume im Wandel. Wien: Passagen Verlag 2008